Ein Hamsterrad aus Silizium und Strom

Der Klüngelkapitalismus der US-Hyperscaler

Fünf Tech-Konzerne investieren wechselseitig Milliarden ineinander und konkurrieren gleichzeitig miteinander. Der Schweizer Netzkritiker Reto Vogt nennt das Inzest-Kapitalismus. Wir ziehen das dezentere „Klüngelkapitalismus“ vor, das dasselbe meint. Und da die Rechenzentren der Hyperscaler uns in den Sommerwochen 2026 ordentlich eingeheizt haben, kommt uns Reto Vogts Metapher von der Schneeballschlacht gerade recht.

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Published: 27.8.2026  |  Video: YouTube

Es kommt mir ein bisschen vor wie eine Schneeballschlacht, nur halt mit Geldscheinen statt mit Schnee. Aber am Ende geht’s auch nur darum, wer zuerst weint und zu Mama läuft.

Zu abstrakt? Es geht um Folgendes: Diese Woche hat Google 40 Milliarden Dollar in Anthropic investiert. 10 Milliarden sofort, 30 weitere, falls bestimmte Leistungsziele erreicht werden. Wenige Tage zuvor hatte Amazon 5 Milliarden nachgeschossen, mit bis zu 20 weiteren in Aussicht. Und will sich außerdem angeblich mit bis zu 50 Milliarden an OpenAI beteiligen. Das ist übrigens jener KI-Konzern, in den Microsoft seit Jahren Milliarden pumpt und eine 27-Prozent-Beteiligung hält.

Und alle konkurrieren gleichzeitig miteinander. Und zahlen das Geld auch wieder schön zurück: OpenAI, Anthropic und Google nutzen die Cloud-Infrastrukturen von Microsoft, Amazon und Google, um ihre Produkte zu betreiben. Das kostet die Konzerne wiederum Milliarden. Und zum Schluss der Zahlenschlacht noch ein Vergleich zur Einordnung: Die ordentlichen Ausgaben des Bundes beliefen sich im Jahr 2025 auf 86 Milliarden Franken. Das ist ein Bruchteil des Geldes, das im Silicon Valley zwischen wenigen Konzernen hin- und hergeschoben wird.

Alle für einen, keiner für Neue

Es sind strukturell bizarre Beziehungen, die in der Technologieindustrie zunehmend zur neuen Normalität werden: Google investiert Milliarden in Anthropic, während der hauseigene KI-Dienst Gemini in direkter Konkurrenz zu Anthropics Claude steht. Gleichzeitig liefert Google die Chips und die Cloud-Infrastruktur, damit Claude überhaupt erst laufen kann. Und in diese „Zweier-Beziehung“ mischen sich noch OpenAI, Microsoft und Amazon. Fünf Konzerne balgen sich um den gleichen Markt, investieren wechselseitig Milliarden von Dollar und sind auf die Infrastrukturen des jeweils anderen angewiesen, damit die eigenen Produkte funktionieren.

Das ist das Schneeballsystem, das ich meine. Wenn einer der großen Fünf das Spiel nicht mehr mitspielt, ist es am Ende. Jeder Konzern ist die Lebensversicherung der anderen – und umgekehrt. Und gleichzeitig bauen sie so einen Schutzwall um sich, der neue Mitspieler ausschließt. Und all das, ohne unter dem Strich auch nur einen müden Rappen Geld zu verdienen. Zwar steigen die Umsätze von OpenAI und insbesondere Anthropic massiv. Bei Letzterem in nur vier Monaten von 9 auf rund 30 Milliarden Dollar.

Wenn Rekordumsätze verpuffen

Aber was bringt das? OpenAI investiert perspektivisch ein Mehrfaches des Jahresumsatzes ins Training seiner Modelle. Und die Kosten dafür umfassen nur die Rechenleistung: Hardware, Strom, Rechenzentrum und Netzwerk/Datentransfer. Löhne, Mieten, Marketing, IT-Lizenzen kommen noch obendrauf. Auch Anthropic kennt das Problem: Die Kosten für die Rechenpower und die Entwicklung der nächsten Modellgeneration fressen jeden Umsatzrekord sofort wieder auf. Es ist ein Hamsterrad aus Silizium und Strom. Je erfolgreicher das Produkt wird, desto mehr Kapital muss nachgeschossen werden (das wiederum den Geldgebern wie Google, Microsoft oder Amazon gehört).

Die These, die sich hier aufdrängt, ist düster: Wir erleben gerade eine Kapitalkonzentration, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Früher basierte der Erfolg des Silicon Valley auf Disruption: Kleine Startups griffen die Dinosaurier an und stürzten sie. Heute werden potenzielle Angreifer sofort in die Bilanz der Giganten integriert.

Inzest-Kapitalismus

Google, Amazon und Microsoft investieren gleichzeitig in dieselben Unternehmen, mit denen sie konkurrieren. Das Ergebnis ist kein dynamischer Markt, es ist ein geschlossenes System. Oder anders gesagt: Inzest-Kapitalismus. Man umgeht die Kartellbehörden, indem man Firmen nicht kauft, sondern sie durch Abhängigkeiten zu Satellitenstaaten des eigenen Ökosystems macht. Es ist ein geschlossener Kreislauf, in dem das Geld nur die Taschen wechselt, während die echte Macht bei denen bleibt, die die Server besitzen.

Niemand weiß heute, ob am Ende dieses beispiellosen Geldregens ein echter Markt oder ein unantastbares Oligopol stehen wird. Ich würde aber auf Letzteres wetten. Weil wir den Bau einer Festung beobachten, in der die Eintrittskarte so teuer ist, dass außer den üblichen Verdächtigen niemand mehr mitspielen darf.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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Reto Vogt (LinkedIn-Profilseite) schreibt seit knapp zwanzig Jahren über IT-Themen. Ab 2006 für PCtipp und Computerworld, anschließend sechs Jahre beim Migros-Magazin, wo er unter anderem die Ressorts Online und Digital leitete. Nach einem kurzen Abstecher ins Content Marketing bei der Firma Scope wechselte Vogt im Jahr 2021 als Chefredakteur zu inside-it.ch und baute das Magazin mit seinem Team mit Erfolg aus. Seit Oktober 2024 ist er hauptberuflich Studienleiter Digital am MAZ in Luzern und seit 2026 als Mitglied der Geschäftsleitung verantwortlich für das ganze Aus- und Weiterbildungsangebot. Nebenbei arbeitet er als freier Techjournalist u. a. für die NZZ, WoZ oder DNIP.ch.

Gesellschaftspolitische Tech-Themen wie E-Voting, EPD, E-ID sowie Digitalisierung oder Cybersecurity bei Behörden faszinieren Reto Vogt seit Jahren. Sie bilden den Rahmen für seine wöchentliche „Vogt am Freitag“-Kolumne – in der Vergangenheit, aber auch in Zukunft.

Autorenfoto: Reto Vogt.

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