Von Print zu Open Access: 30 Jahre Transformation bei Springer Nature

Interview mit der scheidenden Sales-Managerin Dagmar Laging

Im September 1996, als Dagmar Laging ihre Karriere bei Springer Nature antrat, hieß ihr Arbeitgeber noch Julius Springer Verlag und war seit 154 Jahren am Markt und in Familienhand. Es gab noch kein Google, kein Social Web, keine Smartphones, keine Online-Abos, kein Open Access und kein Streaming. 30 Jahre sind selbst in der Geschichte einer alten Branche wie der Medienbranche eine lange Zeit.

Besonders gilt dies für die Fachmedienbranche und ganz besonders für die letzten 30 Jahre mit ihrer Digitalisierung, die bei den Fachmedien nahezu alles auf den Prüfstand gebracht hat, was bis September 1996, und meist seit Jahrhunderten, galt.

Dagmar Laging, die als Vice President Institutional Sales Europe mit dem Jahresende 2025 ihre Karriere beendete, um in Ruhestand zu gehen, hat also schon einiges erlebt. Im Interview lässt sie drei spannende Jahrzehnte Revue passieren.

Foto/video: cx

Springer Nature hat in den letzten Jahrzehnten eine massive Digitalisierung durchlaufen. Wie haben Sie als europäische Vertriebschefin die Verschiebung von Print zu digitalen Formaten erlebt? Welche waren die größten Herausforderungen – und welche Chancen haben sich daraus für Verlage wie Springer Nature ergeben?

Während der letzten 30 Jahre hat die gesamte Wissenschaftsverlagsbranche in der Tat mehrere fundamentale Wandlungen durchlaufen. Die erste war in den 1990er-Jahren der Übergang von Printabonnements zu elektronischen Zeitschriften. In den 2000er-Jahren wurden dann alle Zeitschriften und Bücher im digitalen Format produziert und größtenteils auch retrodigitalisiert, bis zurück zu den ersten Büchern, die Springer Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt hat.

Für Springer Nature als globalen Verlag mit Standorten auf der ganzen Welt war es gleichzeitig eine Herausforderung und eine Chance, alle Prozesse rund ums Publizieren von Zeitschriften und Büchern zu vereinheitlichen und zu standardisieren. Durch das Internet und insbesondere durch einheitliche Datenstandards in der Herstellung konnten wir Leser und Forschende weltweit einheitlich und in der gleichen Qualität bedienen.

Lesererwartungen und Anpassungsprozesse

Die Erwartungen von Lesern, Wissenschaftlern und Institutionen an digitale Inhalte haben sich stark verändert. Wie hat sich der Verlag an diese neuen Bedürfnisse angepasst? Gibt es Beispiele für innovative digitale Formate oder Services, die besonders erfolgreich waren?

An große Wissenschaftsverlage der Welt wie Springer Nature treten Leser, Nutzer:innen und Autoren mit einem hohen Anspruch heran, was die Qualität der Inhalte und Dienstleistungen betrifft. Mit unserer Plattform SpringerNature.link ist es uns, denke ich, gut gelungen, diese Ansprüche zu erfüllen. Mit mehreren Millionen Downloads jeden Tag aus der ganzen Welt wird sie sehr stark genutzt und ist für die gesamte Wissenschaftswelt eine zentrale Anlaufstelle. Eine der letzten Neuerungen auf der Plattform sind KI-gesteuerte Zusammenfassungen von Zeitschriftenartikeln, die es dem Wissenschaftler ersparen, den ganzen Artikel zu lesen, um festzustellen, ob dieser für die eigene Forschung relevant ist.

Als Vertriebsleiterin arbeiten Sie an der Schnittstelle zu Redaktion, Marketing und Produktion. Wie gestalten Sie diese Zusammenarbeit, um z. B. neue digitale Formate erfolgreich zu vermarkten?

Bei Springer Nature haben wir in allen Publikationsbereichen eigene Teams, die sich mit der Weiter- und Neuentwicklung von Produkten beschäftigen. Der Vertrieb wird in der Regel bei der Konzeption von neuen Produkten oder Anwendungen befragt. Hier war es für mich immer hilfreich, aus Gesprächen mit Kundinnen und Kunden zu wissen, was für sie gut funktioniert, was nicht, und was sie sich wünschen. Dieses Wissen ist für unsere Produktentwickler sehr hilfreich. Und sobald ein Produkt entwickelt ist, sind wir als Vertrieb auch in die Beta-Testphasen in den verschiedenen Märkten eingebunden.

Wenn Sie an die Redaktions- und Produktionsprozesse denken, die zu Ihren Produkten führen – welchen Einfluss haben diese auf den Vertrieb und das Marketing?

Als wissenschaftlicher Verlag sind unsere Produkte in erster Linie wissenschaftliche Informationen in diversen Formaten, hauptsächlich als Zeitschriften und Bücher aller Art, von Konferenz-Proceedings zu Lehrbüchern für Studenten. Redaktions- und Produktionsprozesse haben Einfluss auf den Vertrieb, wenn sie nicht einwandfrei funktionieren. Wir im Verkauf sind die ersten, mit denen Kunden sprechen, bei denen sie reklamieren oder sich beschweren. Wenn das mal der Fall ist, dann erschwert das natürlich die Verkaufsarbeit. Wir sind dann mehr mit Reklamationen beschäftigt und können uns weniger auf den Vertrieb derjenigen Produkte und Dienste konzentrieren, die insgesamt sehr gut funktionieren.

Kontrolle abzugeben – trotzdem im Lead bleiben

Open Access ist ein zentrales Thema im wissenschaftlichen Publishing. Wie bewerten Sie die Entwicklung von Open Access aus Vertriebssicht? Welche Rolle spielen Abonnements, Pay-per-View oder hybride Modelle heute – und wie wird sich das in den nächsten Jahren ändern?

Der Vertrieb war einer der Vorreiter bei uns im Haus, der sich damit beschäftigt hat, was Open Access eigentlich in der Praxis bedeutet. Das lag auch daran, dass das Thema für unsere Kunden – die Universitäten und Forschungseinrichtungen – äußerst relevant war. Und dann sind wir auch insgesamt Vorreiter geworden.

Bereits im Jahr 2015 haben wir die erste transformative Vereinbarung (Transformative Agreement – TA) mit den niederländischen Bibliotheken verhandelt und abgeschlossen. Damit haben wir erstmals ein Paket geschnürt, das die Konditionen sowohl für das Lesen als auch für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Inhalte für einen ganzen Markt transparent regelt.

Im Jahr 2020 ist dann in Deutschland DEAL mit unseren Zeitschriften gestartet. Inzwischen ist fast ganz Europa zu Open Access und transformativen Vereinbarungen gewechselt, sodass das klassische Zeitschriften-Abonnement nur noch eine untergeordnete Rolle im Markt spielt.

Immer mehr Institutionen und Bibliothekskonsortien streben danach, auch die reinen Gold-OA-Zeitschriften für ihre Einrichtungen zu verwalten und damit die Einzelzahlung für die OA-Publikation eines Artikels überflüssig zu machen. Dazu müssen Einzelzahlungen von Wissenschaftlern und Einrichtungen zentralisiert werden – ähnlich wie in den 1990er-Jahren bei den ersten elektronischen Zeitschriftenkonsortien im Markt. Das hybride Zeitschriftenmodell hat durchaus seine Berechtigung, solange Teile der Wissenschaftswelt noch nicht Open Access publizieren. Dies wird sich in den kommenden Jahren weiter verändern, da immer mehr Länder und Institutionen Open-Access-Verträge abschließen. So hat SN gerade kürzlich ein großes Abkommen mit dem brasilianischen CAPES-Konsortium abgeschlossen. Dadurch können auch Wissenschaftler in Brasilien ab Januar Open Access veröffentlichen und sind so im weltweiten Vergleich nicht mehr benachteiligt.

Künstliche Intelligenz, Datenanalyse und personalisierte Inhalte gewinnen im digitalen Publishing an Bedeutung. Sehen Sie hier auch Risiken – etwa für die Qualität?

Ja, sowohl als auch. Für uns ist es essenziell, dass man sich auf die von uns publizierten Inhalte verlassen kann.

Auf der einen Seite nutzen Wissenschaftler zunehmend KI bei der Erstellung von Fachbeiträgen und Fachbüchern. Das ist in gewissen Grenzen akzeptabel, solange die finale Verantwortung für eine Veröffentlichung beim Wissenschaftler bleibt. Leider hilft KI aber auch Betrügern dabei, Artikel zu verfassen und Daten zu verfälschen.

Gleichzeitig unterstützt KI uns dabei, die Qualitätsprüfung bei Büchern und wissenschaftlichen Artikeln stemmen zu können. Sie kann unseren Redakteuren Hinweise auf mögliche Plagiate geben und irrelevante Referenzen oder manipulierte Bilder identifizieren.

Wo wir eine große Chance sehen, ist, dass KI den Veröffentlichungsprozess beschleunigen kann und Forschern Arbeit abnimmt, damit sie sich auf die Forschung konzentrieren können. Von der ersten Recherche zu einem Thema über Schreibunterstützung in verschiedenen Sprachen hin zur Auswahl geeigneter Fachzeitschriften und Peer-Reviewer hat KI enormes Potenzial.

Zukunftsfragen

Wenn Sie einen Blick in die Glaskugel werfen: Wie wird das digitale Publishing in zehn Jahren aussehen? Welche Rolle werden Verlage wie Springer Nature spielen – und welche Fähigkeiten werden für Vertriebsmitarbeiter dann entscheidend sein?

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Ich erwarte, dass Zeitschriften in zehn Jahren durchgehend im Open-Access-Modell publiziert werden und das klassische Abonnement nur noch als Randgebiet existiert. KI wird weitere Verbesserungen in den Publikationsprozessen liefern, und unsere Services für Wissenschaftler, Editoren und Reviewer werden noch umfassender und hilfreicher sein. Des Weiteren kann ich mir vorstellen, dass der Vertrieb in zehn Jahren nationale Lösungen in den verschiedenen Ländern verhandelt, auf einer höheren und umfassenderen Ebene als heute.

Ich erwarte, dass analytisches Verständnis und Planung zusammen mit Zielstrebigkeit, Widerstandsfähigkeit, aber auch Empathie und Kompromissbereitschaft weiterhin die wichtigsten Eigenschaften eines Vertriebsmitarbeiters sein werden.

Nach dreißig Jahren bei Springer Nature: Was war Ihr prägendstes Erlebnis im Zusammenhang mit der Digitalisierung? Und was raten Sie jungen Fachkräften, die heute in die Medienbranche einsteigen?

Die prägendste Erfahrung im Zusammenhang mit der Digitalisierung war für mich der Wechsel zum Open-Access-Modell im Vertrieb, und in diesem Zusammenhang sicherlich die Jahre der DEAL-Verhandlungen in ihrer ganzen Komplexität. Für Springer Nature hat der Verhandlungsprozess von den ersten Gesprächen bis zum Vertragsabschluss mehr als drei Jahre gedauert. Die Erwartungshaltungen der verschiedenen Seiten auf einen Nenner zu bringen, war eine Mammutaufgabe – und eine sehr prägende Erfahrung.

Jungen Fachkräften von heute rate ich weiterhin, ihren Kunden zugewandt zu sein und persönliche Beziehungen aufzubauen. Das lässt sich durch KI auch in der Zukunft nicht ersetzen. Widerstandsfähigkeit, Resilienz, wird weiterhin ein wichtiges Thema sein. Im Vertrieb muss man mit einem „Nein“ des Kunden umgehen können und daran arbeiten, es in ein „Ja“ zu ändern.

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Dagmar Laging ging Ende 2025 bei Springer Nature in den Ruhestand. Zuletzt war sie Vice President Institutional Sales Europe und leitete die Vertriebsteams in Nord‑, Zentral‑ und Südeuropa für akademische und öffentliche Institutionen. 1979 schloss sie ihre Ausbildung zur Buchhändlerin ab und wechselte 1987 in die wissenschaftliche Verlagswelt. Seit 2004 in verschiedenen Führungsrollen bei Springer, war sie früh an Verhandlungen für elektronische Lizenzen beteiligt und später federführend an den Verhandlungen zu Read‑and‑Publish‑Konditionen mit deutschen Bibliotheken.