Wer trägt die Verantwortung, wenn die Maschine liefert?

Recap der dpr-Konferenz ai@media: wie die Rhein-Zeitung KI einsetzt

Auf der dpr-Konferenz ai@media im September berichteten Redaktionen, ein Fachverlag und ein Leserservice, wie sich ihre Arbeit verschiebt, seit Maschinen redigieren, korrigieren, Quellen durchsuchen und Anrufe annehmen. Die Aufgaben wandern stellenweise zur Maschine, die Verantwortung bleibt beim Menschen. Dabei unterscheiden sich die Häuser vor allem darin, wer die Freigabe übernimmt.

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Published: 27.10.2026  |  Fotos: KI-generiert, Magnific

Die Rhein-Zeitung hat sich 2026 ein KI-Statut gegeben, ein Jahr lang erarbeitet und online veröffentlicht. Den Grundsatz hat Chefredakteur Lars Hennemann formuliert: „Der Mensch hat immer das letzte Wort.“ Damit der Satz nicht an der Wand hängen bleibt, hat die Redaktion ihre Abläufe umgebaut, berichtet Markus Gerhold, Leiter Lokales.

Die Blattmacherinnen und Blattmacher, die die Zeitungsseiten produzieren, verbringen inzwischen viel Zeit mit der Abnahme von Texten, die eine KI bearbeitet hat. Wer letztlich den Inhalt freigibt, setzt das Kürzel „red“ von Hand. „Das ist die Verantwortlichkeit, die wir darin verankern wollen“, sagt Gerhold. Der Handgriff koste Sekunden, aber sorge dafür, dass zu jedem Text ein Mensch gehört, der ihn verantwortet.

Die Maschine arbeitet, der Mensch prüft

Im Lokalen sichten Nachrichtenchefinnen und Nachrichtenchefs den Mail-Eingang. Sie legen fest, welche Art von Artikel aus einer Pressemitteilung werden soll und wie groß er wird, in Konfektionsgrößen von XS bis XXL. Damit lösen sie einen Workflow aus. Die KI übernimmt Formatierung und Textbearbeitung, am Ende prüft wieder ein Mensch, ob das Ergebnis plausibel ist. Gerhold hält es für klüger, früh zu entscheiden, als später lange nachzuarbeiten.

Auch die Seitenplanung ändert sich. Ein Platzierungs-Bot soll künftig Artikel auf die Printseiten verteilen, und er braucht eindeutige Vorgaben. Die Planerinnen und Planer müssen deshalb detaillierter arbeiten als bisher. Der Mensch kuratiert, „und die Maschine füllt ab“, wie Gerhold es bezeichnet. Rund 133 Prompts und Workflows nutzt die Redaktion bereits, bis Jahresende rechnet er mit einer „sehr, sehr gut dreistelligen“ Zahl. Damit niemand stillschweigend aussteigt, gibt es einmal im Monat eine Feedbackrunde. „Es nützt mir nichts, wenn die Leute still und klammheimlich die Arbeit mit Tools einstellen“, sagt Gerhold.

Warum die Rheinpfalz nicht kennzeichnet

Uwe Renners, stellvertretender Chefredakteur Digital der Rheinpfalz, kommt zu einem anderen Schluss. Seine Redaktion redigiert die Texte freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit KI. Viele der Freien sind keine ausgebildeten Journalisten. Früher hat ein Redakteur diese Texte redigiert und darunter stand auch nicht „redigiert von“. Deshalb kennzeichnt die Rheinpfalz die KI-Bearbeitung heute ebenfalls nicht. „Ob es die KI macht oder der Redakteur, am Ende guckt der Redakteur drüber“, sagt Renners. Der Redakteur entscheide, ob der Text in Ordnung ist, und trage die Verantwortung. Den Freien hat die Redaktion das Verfahren auf Mitarbeiterversammlungen erklärt. Wo ein Kollege früher eine Stunde an einem Text saß, braucht er heute zehn Minuten.

Der Deutsche Presserat sieht das ähnlich. Der Pressekodex verlange keine Kennzeichnung KI-gestützter Texte, sagte Sprecher Moritz Döbler im Juni. Entscheidend sei, dass die Redaktion ihre Sorgfaltspflicht erfüllt.

Die KI als „zweites Paar Augen“

Im Deutschen Apotheker Verlag, dem größten pharmazeutischen Fachverlag in Deutschland, ist die Fehlertoleranz äußerst gering. Werke, die in Apotheken stehen, müssen bis zum letzten Komma stimmen, „vor allem beispielsweise auch im Bereich Dosierung“, sagt Produktionsleiter Daniel Gebühr. Das Lektorat mit 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bearbeitet Word-Manuskripte von 150 bis 1.200 Seiten. Rechtschreibung und Grammatik wurden bisher weitgehend von Hand geprüft, unterstützt von der Autokorrektur in Word und einem selbst geführten Sprachleitfaden.

Seit zwei Monaten setzt das Lektorat die Korrekturlösung Textshine ein. Sie korrigiert ein Manuskript in wenigen Minuten und markiert jede Änderung im Änderungsmodus. Die Lektorin nimmt an oder verwirft. „Die Endabnahme und die Hoheit sollen natürlich beim Menschen sein“, sagt Entwickler und Geschäftsführer Alexander Seifert. Anders ist, was das Werkzeug bewusst weglässt: Textshine macht keine Formulierungsvorschläge, weil diese Arbeit nach Seiferts Überzeugung ins Lektorat gehört. Der Verlag hat zusätzlich eine Funktion abgeschaltet. Abstände und Mikrotypografie regelt dort weiterhin ein Werkzeug der Setzerei mit mehreren tausend Regeln. Die doppelten Vorschläge hatten wichtigere Korrekturen überdeckt.

Lektorin Juliane Hausner beschreibt die KI als „zweites Paar Augen“, das auch in bereits gelesenen Manuskripten noch Fehler findet. Das Durchsehen der Vorschläge koste Zeit, gehe aber deutlich schneller als reines Korrekturlesen. Belastbare Zahlen gibt es nach zwei Monaten noch nicht. Die Rolle verschiebt sich trotzdem schon. Die Lektorin sucht weniger und urteilt mehr.

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Wenn der Dialekt dazwischenfunkt

Manche neuen Aufgaben zeigen sich erst, wenn das KI-Werkzeug im Alltag genutzt wird. Beim Verlag Nürnberger Presse (VNP) läuft seit Mai der KI-Podcast „Erlangen am Abend“. Werktags ab 17 Uhr fasst eine KI-Stimme vier Nachrichten des Tages zusammen. Ein Dienstleister bereitet die Meldungen auf, zwischen 15 und 16 Uhr hört eine Redakteurin oder ein Redakteur der Erlanger Nachrichten drüber. Angepeilt sind 15 Minuten am Tag. Derzeit sind es rund 25, an schlechten Tagen eine Dreiviertelstunde.

Der Grund ist der fränkische Dialekt. Die genutzte Sprach-KI zeigt sich wenig sprachgewandt in der Aussprache von Ortsnamen. „Für ein lokales Medium ist es natürlich tödlich, wenn Orte falsch ausgesprochen werden“, sagt Georg Körfgen, Leiter der Lokalredaktionen beim VNP. Deswegen wurden die Kolleginnen und Kollegen eigens in einem neuen Tool geschult und korrigieren die Aussprache nachträglich. Lokalredakteure als Sprechtrainer einer Maschine, diese Rolle stand in keinem Projektplan. Körfgen zieht daraus eine Lehre, die er selbst „den Klassiker“ nennt. Die Redaktion hätte noch früher erfahren müssen, warum sie die Zusatzaufgabe übernimmt und was das Ziel ist. Bis Anfang 2027 soll der Podcast in allen Lokalredaktionen laufen.

Beim nächsten Projekt legt der VNP die Rollen von Anfang an fest. Ein Themenradar soll kommunale und weitere Quellen auswerten. Der VNP trennt Themenmanager und Reporter strikt, und das Radar arbeitet den Themenmanagern zu. Körfgen beschreibt es als zusätzlichen Kollegen, der Themen vorschlägt und nichts selbst schreibt.

Wohin die gewonnene Zeit geht

Bei CH Media in der Schweiz erscheinen rund 18 Titel in einem Gebiet mit 750 Gemeinden. Jeden Tag haben zahlreiche Journalistinnen und Journalisten dieselben Gemeinde-Websites nach Neuigkeiten abgesucht. Diese Routine übernimmt jetzt ein Werkzeug namens Hugo Scout, gebaut mit einem externen Dienstleister. Es durchsucht eine kuratierte Quellenliste samt angehängter PDFs wie Gemeinderatsprotokolle, fasst zusammen und schreibt auf Wunsch mit dem hauseigenen Prompt einen Entwurf. An diesem Prompt hat die Redaktion zweieinhalb Jahre gefeilt. „Ein Prompt, der nach zweieinhalb Jahren immer noch gleich aussieht, der würde mir ein bisschen Angst machen“, sagt Alexandra Stark, KI-Expertin bei CH Media. Die Quelle liest sie trotzdem selbst. „Weil wir nachher auch das Okay geben müssen als Journalistinnen und Journalisten, will ich natürlich auch wissen, was da drin steht.“

Stefan Trachsel, Leiter KI-Transformation und Automatisierung, sagt offen, dass unter dem Strich weniger Arbeit anfällt. CH Media will diese Ressourcen reinvestieren, in Reportagen, für die Abonnentinnen und Abonnenten bezahlen.

Ähnlich verfährt der VNP in seinem Leserservice. Seit die KI-Assistentin Chiara Standardanliegen wie Urlaubsunterbrechungen und Zustellreklamationen abschließend bearbeitet, verlagern die Servicekräfte ihre Zeit vom Massengeschäft zu Kundenbindung und Qualitätssicherung, berichtet Beran Kiyak, Leiter Customer Care. Er selbst sieht jeden Tag nach, was Chiara erledigt hat und was nicht. Auch das ist eine neue Daueraufgabe. Wo die gewonnenen Stunden landen, haben beide Häuser vorab festgelegt. Ohne diese Festlegung versickert die Zeit leicht im Tagesgeschäft.

Wie viel Kontrolle braucht welcher Schritt?

Ein Raster dafür lieferte Matthias Kraus, Gründer von Mintloop, der vor 15 Jahren Xpublisher gegründet hat. Kontrolle heiße nicht, dass ein Mensch jeden Schritt bestätigt. Er unterscheidet drei Stufen, und die Beispiele der Konferenz lassen sich gut einsortieren.

  • Geringe Auswirkung, klare Regeln: Der Agent arbeitet und entscheidet allein. Beim VNP läuft beispielsweise die Erkennung, worum es in einer Leser-E-Mail geht, inzwischen autonom. Anfangs hat das Team jede einzelne Zuordnung geprüft.

  • Mittlere Auswirkung: Die Maschine bereitet vor, ein Mensch prüft. So arbeiten Textshine im Lektorat, Hugo Scout bei CH Media und der geplante Themenradar des VNP.

  • Hohe rechtliche, wirtschaftliche oder redaktionelle Relevanz: Der Mensch entscheidet. Dazu gehören die Abnahme mit Kürzel bei der Rhein-Zeitung und die Freigabe durch den Redakteur bei der Rheinpfalz.

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Entscheidend sei „die passende Kontrolle für den jeweiligen Schritt“, sagt Kraus. Ebenso wichtig sei, später nachvollziehen zu können, welches Modell lief, welche Prüfungen stattfanden und wer was freigegeben hat.

Raphael Baier, heutiger Geschäftsführer von Fabasoft Xpublisher, zog auf der Konferenz dieselbe Linie. Die KI dürfe recherchieren, übersetzen und Varianten bilden. „Ganz am Ende ist der, der verantwortlich ist, immer noch ein Mensch und macht den Haken dran, zur Freigabe und zur Publikation.“

Was künftig unterbleibt

Das White Paper „10 Schritte zum richtigen Publishing-System“ von Fabasoft Xpublisher verlangt für den SOLL-Prozess geschärfte Rollen, Rechte und Freigaben. Zum Change-Management zählt es ausdrücklich die Frage, „was künftig bewusst nicht mehr getan wird“. Die Konferenz lieferte dazu Antworten von zwei Seiten.

Auf der Seite der Menschen fallen Routinen weg. Bei CH Media klicken sich Journalistinnen nicht mehr durch Gemeinde-Websites. Im Apotheker Verlag fahndet das Lektorat nicht mehr Zeile für Zeile nach Tippfehlern. Im Leserservice nimmt niemand mehr jede Urlaubsunterbrechung von Hand auf.

Auf der Seite der Maschine stehen bewusste Verzichte. Textshine formuliert nicht um. Die Rhein-Zeitung lässt die KI nicht autonom das Redaktionskürzel setzen. Der VNP-Leserservice beantwortet E-Mails mit mehreren oder komplizierten Anliegen weiterhin persönlich. „Auch wenn wir es könnten, wir machen es nicht“, sagt Kiyak. In der Diskussion zum Vortrag der Rhein-Zeitung kam dazu eine praktische Empfehlung. Neben die Liste dessen, was die KI erledigen soll, gehört eine zweite Liste mit allem, was sie ausdrücklich nicht übernimmt, so aufgeschrieben, dass jede Kollegin sie nachvollziehen kann.

Für Verlage heißt das, beide Listen in den SOLL-Prozess zu schreiben, bevor das erste Werkzeug ausgerollt wird. Drei Festlegungen gehören dazu:

  1. Wer nimmt ab? Für jeden KI-gestützten Arbeitsschritt gibt es eine benannte Rolle, die freigibt, und einen Weg, diese Freigabe nachvollziehbar zu machen.

  2. Was kommt neu dazu? Kontrollaufgaben wie Aussprachekorrektur, tägliche Stichproben und Prompt-Pflege brauchen Zeit, die im Plan steht.

  3. Wohin geht die gewonnene Zeit? Die Führung legt das vorab fest, bevor das Tagesgeschäft die Stunden aufbraucht.

Fazit: Verantwortung direkt festlegen

In allen fünf Häusern verändert die KI, wer was tut. Blattmacher nehmen ab, Lektorinnen bewerten Vorschläge, Lokalredakteure trainieren eine Stimme, Servicekräfte kümmern sich um Stammkundschaft. Wer bei diesem Umbau die Freigabeverantwortung nicht ausdrücklich festlegt, merkt es spätestens beim ersten Fehler.

Weiterlesen: Wie Verlage Rollen, Freigaben und Change-Management bei der Einführung eines Publishing-Systems planen, beschreibt das White Paper „10 Schritte zum richtigen Publishing-System“.

Der Artikel ist Teil des Channels Digital Publishing Technologien, der sich mit Content-Strategien und Prozessen beschäftigt.  Der Channel wird gesponsert von Fabasoft Xpublisher.

Wer trägt die Verantwortung, wenn die Maschine liefert?