Wie Interoperabilität und Open Source die Medienbranche revolutionieren könnten

Netzaktivist und Schriftsteller Cory Doctorow über einen Weg zur digitalen Souveränität

Picture Cory: Jonathan Worth 1, http://jonathanworth.com, CC BY-SA 2.0

Jedes Jahr zu Jahresbeginn versammelt der Chaos Communication Congress die internationale Bewegung für ein unabhängiges Internet in Hamburg. Stargast – nicht zum ersten Mal: der amerikanische Netzaktivist und Schriftsteller Cory Doctorow. In seiner Keynote auf der diesjährigen 39C3 zeigte er, wie Gesetze, die die USA vor langer Zeit international durchdrückten, US-Konzernen helfen, ihre Oligopole zu verteidigen und das voranzutreiben, was Doctorow „Enshittification“ nennt – die zunehmende Degradierung der Plattformen und die Vermüllung der digitalen Räume.

Im Kampf gegen diese Gesetze, an dem Medienunternehmen mit ihrer Sachkompetenz, Autorität und Reichweite teilnehmen und von dessen Erfolg sie profitieren könnten, liegt ein Schlüssel zur Rückeroberung des Internets durch und für die Zivilgesellschaft.

Die digitale Welt befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Der wachsende Einfluss großer amerikanischer Tech-Konzerne, die zunehmend die Kontrolle über digitale Ökosysteme übernehmen, stellt Medienhäuser und Verlage weltweit vor enorme Herausforderungen. Diese Machtkonzentration hat die Abhängigkeit von einer Handvoll dominanter Akteure verstärkt und den Handlungsspielraum vieler Unternehmen eingeschränkt. Gleichzeitig eröffnet die globale Dynamik jedoch auch neue Perspektiven: die Möglichkeit, digitale Souveränität zurückzugewinnen und ein neues, offenes digitales Zeitalter einzuläuten. Aber wie können Verlage und Medienunternehmen diese Gelegenheit nutzen, um ihre Position zu stärken und sich unabhängiger zu machen?

Der renommierte Aktivist und Experte Cory Doctorow, der bereits seit Jahrzehnten in der digitalen Rechtebewegung aktiv ist, sprach erstmals vor 14 Jahren auf der Konferenz 28C3 über den sogenannten „War on General Purpose Computing“. Dabei warnte er vor den Gefahren, die entstehen, wenn Universalcomputer durch Gesetze und Technologien eingeschränkt werden, um die Macht der großen Technologieunternehmen zu schützen. Heute, ein Vierteljahrhundert nach seinem Einstieg bei der Electronic Frontier Foundation (EFF), sieht Doctorow eine wichtige historische Chance: Die Tür zu einer digitalen Infrastruktur, die unabhängig von der Dominanz amerikanischer Tech-Giganten funktioniert, ist einen Spalt weit geöffnet.

Digitale Rechte als Schlüssel: Die Bedeutung von Interoperabilität

In seiner Analyse hebt Doctorow eine grundlegende Schwachstelle im aktuellen digitalen Ökosystem hervor: die gezielte Blockade von Interoperabilität. Im Zentrum seiner Kritik steht das sogenannte „Anticircumvention“-Gesetz, das 1998 in den USA als Teil des Digital Millennium Copyright Act (DMCA) verabschiedet wurde. Dieses Gesetz kriminalisiert den Versuch, technische Schutzmaßnahmen zu umgehen, selbst wenn dabei keine anderen Gesetze verletzt werden. Ursprünglich eingeführt, um urheberrechtlich geschützte Inhalte zu sichern, hat dieses Gesetz weitreichende Konsequenzen: Es wurde in zahlreiche andere Länder exportiert – oft durch Handelsabkommen oder wirtschaftlichen Druck der USA. Doctorow argumentiert, dass diese Regelungen Innovation hemmen, Wettbewerb verhindern und die digitale Eigenständigkeit ganzer Regionen untergraben.

Für die Medienbranche hat diese Blockade weitreichende Folgen. Die großen Tech-Konzerne wie Apple, Microsoft und Google haben durch die Einschränkung von Interoperabilität geschlossene digitale „Walled Gardens“ geschaffen, also abgeschottete Ökosysteme, in denen sie die Kontrolle über Inhalte und Zugänge behalten. Ein Beispiel dafür ist der App Store von Apple, in dem Entwickler:innen oft hohe Gebühren entrichten müssen, um ihre Anwendungen anzubieten. Ebenso sind Verlage und Content-Creators stark eingeschränkt, da sie nur begrenzte Kontrolle über die Verbreitung ihrer Inhalte haben. Statt einer freien und offenen Plattform, die Innovation und Vielfalt fördert, dominieren einige wenige Unternehmen mit ihren geschlossenen Systemen den Markt.

Der Beginn einer neuen Ära: Eine historische Chance für Wandel

Doch es gibt Hoffnung auf Veränderung. Doctorow sieht in der möglichen Abschaffung solcher Anti-Interoperabilitätsgesetze eine der wichtigsten Chancen, um eine offene, transparente und kollaborative digitale Infrastruktur zu schaffen. Diese Veränderungen könnten nicht nur Innovationen ermöglichen, sondern auch die Abhängigkeit von den großen amerikanischen und zunehmend auch chinesischen Tech-Giganten reduzieren.

Ein vielversprechendes Beispiel für eine solche Entwicklung ist die europäische Initiative „Eurostack“. Dieses Projekt zielt darauf ab, eine Open-Source-Alternative zu den US-amerikanischen Cloud- und Plattformlösungen zu entwickeln. „Eurostack“ könnte europäischen Unternehmen und Institutionen die Möglichkeit bieten, unabhängig von den bestehenden großen Anbietern zu agieren und eigene digitale Infrastrukturen aufzubauen. Allerdings warnt Doctorow davor, dass solche Projekte nur dann erfolgreich sein können, wenn sie durch zusätzliche Maßnahmen wie Scraping-Tools und Interoperabilitätslösungen unterstützt werden. Nur so könne der Übergang von den bestehenden Plattformen erleichtert und eine echte digitale Souveränität erreicht werden.

Ein konkretes Beispiel, das Doctorow anführt, betrifft den Übergang von Nutzer:innen von geschlossenen Plattformen zu offenen Alternativen. So könnten etwa Tools entwickelt werden, die es ermöglichen, Daten und Inhalte von bestehenden Plattformen wie Facebook oder Google in neue, interoperable Systeme zu übertragen, ohne dass Nutzer:innen ihre Daten verlieren oder von ihren bisherigen Netzwerken abgeschnitten werden.

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Die Kraft neuer Allianzen: Zusammenarbeit für eine offene digitale Zukunft

Eine vielversprechende Entwicklung in Richtung digitaler Souveränität ist die Entstehung einer Koalition, die sich aus Aktivist:innen, (Medien-)Unternehmer:innen und politischen Entscheidungsträger:innen zusammensetzt. Diese Allianz arbeitet an der Vision einer postamerikanischen Internet-Infrastruktur, die auf Offenheit und Unabhängigkeit basiert. Neben Vertreter:innen der digitalen Rechtebewegung umfasst diese Gruppe auch wirtschaftliche Akteure sowie sicherheitspolitische Interessensvertreter:innen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: die Abhängigkeit von den großen Tech-Konzernen zu verringern und gleichzeitig neue wirtschaftliche Potenziale zu erschließen.

Für Medienhäuser ergeben sich daraus bedeutende Chancen. Sie könnten eigene Plattformen entwickeln, die unabhängig von den Einschränkungen und Gebühren der großen Tech-Konzerne funktionieren. Dies würde ihnen ermöglichen, ihre Inhalte effektiver zu steuern, neue Geschäftsmodelle aufzubauen und die Kontrolle über ihre Daten und Inhalte zurückzugewinnen. Ein Beispiel hierfür könnten Plattformen sein, die auf Open-Source-Technologien basieren und Verlagen die Möglichkeit geben, direkt mit ihren Leser:innen zu interagieren, ohne auf Zwischeninstanzen angewiesen zu sein.

Ein Blick nach vorn: Ein postamerikanisches Internet als Modell für die Zukunft

Die Medienbranche steht vor einer entscheidenden Weichenstellung. Die digitale Transformation erfordert nicht nur technologische Innovation, sondern auch den Mut, sich von bestehenden monopolistischen Strukturen zu lösen. Die Idee eines postamerikanischen Internets, das auf den Grundsätzen von Open Source, Interoperabilität und digitaler Souveränität basiert, bietet Verlagen und Medienhäusern die Möglichkeit, ihre Innovationskraft zu stärken und ihre Abhängigkeit von den großen Technologieunternehmen zu reduzieren.

Die kommenden Jahre könnten wegweisend sein. Medienunternehmen haben die Chance, aktiv an der Gestaltung einer offenen, fairen und nachhaltigen digitalen Zukunft mitzuwirken. Eine Zukunft, die durch Zusammenarbeit, Transparenz und Unabhängigkeit geprägt ist – und die es ermöglicht, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die nicht nur größeren wirtschaftlichen Erfolg versprechen, sondern auch die demokratische Vielfalt im digitalen Raum fördern. Die Medienbranche könnte zu einem Vorreiter dieser Bewegung werden und so nicht nur ihre eigene Position stärken, sondern auch einen entscheidenden Beitrag zur digitalen Souveränität einer globalisierten Gesellschaft leisten.

Cory Doctorow ist ein kanadisch-britischer Science-Fiction-Autor, Journalist und Digitalrechtsaktivist. Er arbeitet als Berater für die Electronic Frontier Foundation, war lange Mitherausgeber von Boing Boing und ist Mitgründer der Open Rights Group. Zu seinen jüngsten Büchern zählen das Sachbuch Enshittification: Why Everything Suddenly Got Worse and What to Do About It sowie der Martin-Hench-Thriller The Bezzle (Fortsetzung von Red Team Blues). Weitere neuere Titel sind der Solarpunk-Roman The Lost Cause, das Sachbuch The Internet Con: How to Seize the Means of Computation und Chokepoint Capitalism (mit Rebecca Giblin). Für junge Leser:innen schrieb er die Little Brother; außerdem veröffentlichte er die Graphic Novel In Real Life und das Bilderbuch Poesy the Monster Slayer. 2020 wurde er in die Canadian Science Fiction and Fantasy Hall of Fame aufgenommen.

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