„Es ist essenziell, dass wir unseren Content in jeglicher Weise miteinander verknüpfen“
Jessica Gutsche, Head of Content DIN Media, über Qualitätssicherung im KI-Zeitalter
Früher setzten Publisher IT nicht nur zur Beschleunigung ein, sondern auch, um menschliche Fehlbarkeit auszugleichen. Seit aber Softwares zum breiten Einsatz kommen, deren Regeln unscharf sind oder deren Algorithmen Geheimnisse der Hersteller sind, erhält die Qualitätssicherung neue Relevanz. Für Fachinformationen gilt dies besonders – im Gegensatz etwa zur Belletristik. Denn Fehler oder veraltete Rechtsstände schädigen den Ruf des Publishers und werfen Haftungsrisiken auf. Die Domäne der Normungen industrieller und administrativer Prozesse ist ein solcher hochkritischer Bereich.
Jessica Gutsche, Head of Content bei DIN Media, dem Publisher von Normen, kennt das Thema genau und gibt im Interview Aufschlüsse.
Published: 25.6.2026 | Foto / Video: KI-generiert, Magnific
Jessica Gutsche beim CrossMediaForum
Jessica Gutsche (LinkedIn-Profilseite) wird mit etwa 20 Expert:innen vor über 100 Gästen beim 28. CrossMediaForum am 2. Juli 2026 in München sprechen zum Thema „Vom Lektorat zur Contentsteuerung: Content first. Digital first“.
Gutsche ist seit 2024 Head of Content bei der DIN Media GmbH. Frühere Stationen waren der hauseigene Beuth Verlag und der BWV Berliner Wissenschaftsverlag, den sie sechs Jahre lang leitete. Ihr fachlicher Schwerpunkt liegt im Content-Management, der Digitalisierung von Fachmedien sowie der Entwicklung von modernen, KI-gestützten Geschäftsmodellen. Sie ist Mitglied im Sprecherkreis der IG Digital und engagiert sich im Arbeitskreis Business Development der Deutschen Fachpresse.

Welche Publishing-Kanäle bedient DIN Media aktuell, und wohin wird die Channel-Landschaft sich entwickeln?
Als DIN Media sind wir eine Besonderheit in der Fachverlagsbranche.
Wir haben einerseits unseren Primärcontent – Normen und Standards, die wir ausschließlich vermarkten und vertreiben und für die wir passgenaue, servicegetriebene Produkte entwickeln. – Andererseits haben wir unseren Sekundärcontent – Fachcontent rund um Normen und Standards –, für den wir mit inhaltsgetriebenen Produkten am Markt und im Publishing tätig sind.
Schauen wir also streng in den Bereich Publishing, auf unsere content- bzw. inhaltsgetriebenen Produkte, da sind wir aktuell in den ganz klassischen Publishing-Kanälen eines Fachverlages unterwegs: Print und parallele E-Book-Veröffentlichung im PDF-Format sowie Loseblatt- und Online-Sammlungen. Mit unseren Weiterbildungsangeboten bedienen wir über unseren Webshop einen weiteren komplett digitalen Kanal mit virtuellen Seminaren und E-Learnings.
Im Rahmen unserer Entwicklung hin zu einem umfassenden Contentanbieter wollen wir unseren Content noch konsequenter und digital first ausspielen. Das bedeutet, dass wir zwar sicherlich noch Bücher drucken lassen werden, aber nicht mehr in diesem Kanal denken. Er kann eine von vielen Ausspielformen sein. Um wirklich digital first zu werden und in aller Konsequenz zu bleiben, müssen wir neu denken, wie Content erstellt und konfektioniert wird, wie er aussehen muss und wie die strukturellen und prozessualen Rahmenbedingungen aussehen.
Unsere Vision ist, einen großen Pool an Content zu haben – den haben wir zwar jetzt auch schon, aber nicht so aufbereitet, wie wir ihn benötigen würden. Diesen wollen wir ganz nach Bedarf der Kunden zusammenstellen und schneiden können, auch personalisiert und über die Grenzen der medialen Ausspielungsformen hinweg.
Wie würdest Du das Qualitätsniveau definieren, das DIN Media über alle Kanäle braucht?
Schauen wir auf unseren Primärcontent, dann ist die Fehlertoleranz bei annähernd null – und bei der rechtlich vorgegebenen Verbindlichkeit muss das auch so sein. Hierfür gibt es bei DIN diverse Kontrollschleifen und Absicherungsmechanismen. Das Qualitätsniveau unseres „Rohstoffes“ ist also schon mal qua Prozessdefinition sehr hoch.
Auch bei unserem Sekundärcontent stellen wir sicher, dass wir ein hohes Qualitätsniveau haben bzw. erreichen. Das fängt an beim Konfektionieren von Sammlungen – hier holen wir uns Expert:innen als Redakteure oder Herausgeber:innen hinzu – und es hört bei der Erstellung des Sekundärcontents nicht auf – auch hier ziehen wir externe Expert:innen als Referent:innen oder Autor:innen hinzu. Auch intern haben wir fachliche Expert:innen sitzen, seien es die Expert:innen als Fachübersetzer:innen, die Content Creatoren und Didaktiker:innen in der Digitalen Weiterbildung, die Zielgruppen-Expert:innen im Produktmanagement oder die sprachlichen sowie formalen Expert:innen im Lektorat.
Was wir darüber hinaus brauchen – und daran scheitert es häufig, denn alles, was ich zuvor benannt habe, ist für Fachverlage nichts Neues –, also was wir wirklich brauchen, ist jemanden, der das Qualitätsniveau der Daten, der Datenhaltung, der Contentflüsse und der Prozesse gestaltet. Jemanden, der den Blick fürs Ganze hat und dafür sorgt, dass die definierte Qualität eingehalten wird. Dafür reicht dann auch nicht nur eine Person, sondern dahinter muss sich zumindest das inhaltliche Content Management vereinen.
Gibt es im Multichannel Publishing überhaupt einen einheitlichen Qualitätsbegriff, oder muss dieser für jeden Kanal individuell definiert werden?
Den fachlichen Qualitätsbegriff würde ich hier mal außen vor lassen, den habe ich eben schon umrissen.
Schauen wir die Qualität des Contents an, so sehe ich hier zwischen den Ausspiel-Kanälen keine Notwendigkeit zur qualitativen Differenzierung. Im Gegenteil. Wir arbeiten daran, unseren Content stets mehrmedial ausspielbar vorzuhalten. Die Qualität kommt über die Strukturierung sowie die Metadaten-Fülle bzw. das Vorhandensein richtiger und nutzbarer Metadaten. So können wir sicherstellen, dass wir unseren Content auch wirklich über alle oder zumindest alle sinnvollen Kanäle ausspielen können. Es ist essenziell, dass wir unseren Content in jeglicher Weise miteinander verknüpfen, Querverweise intelligent auflösen und Aktualität (und somit auch Rechtssicherheit) sicherstellen können.
Raphael Baier beim CrossMediaForum
Auch Raphael Baier (LinkedIn-Profilseite) wird beim 28. CrossMediaForum am 2. Juli 2026 in München dabei sein. Sein Thema: „Moderne Redaktionssysteme in der Wertschöpfungskette – KI gezielt einsetzen, Effizienz dauerhaft steigern“.

Wie Qualitätssicherung organisiert sein sollte
Wer sollte die Hauptverantwortung für Qualität tragen – eine zentrale Instanz oder jeder einzelne Content-Creator?
Grundsätzlich ist jeder Content Creator für die fachliche Qualität seiner Arbeit verantwortlich.
Die sachliche Qualität des Contents spielt für die mehrmediale Ausspielung dann die Hauptrolle: Die Klassifizierung muss stimmen, ebenso wie die Aktualität und die Einordnung in die Datenflüsse, ggf. die Zuordnung zum Kontext. Hier brauchen wir zunächst eine zentrale Instanz, die den Rahmen vorgibt, von dem nicht so einfach abgewichen werden kann – bspw. über einen XML-Editor mit eng gefassten Regeln. Dann muss es aber auch dezentral Gatekeeper und Verantwortliche geben, die die fachliche Umsetzung im Erstellungsprozess und die Einhaltung der Regeln sicherstellen.
Um die Frage konkret zu beantworten – jede:r trägt Verantwortung, sonst geht es nicht. Aber es gibt eine bzw. mehrere wenige zentrale Stellen, die die Hoheit haben.
Wenn es gilt, zwischen Geschwindigkeit und Fehlerfreiheit zu vermitteln: Wie würde Dein Schiedsspruch lauten?
Ich würde Fehlerfreiheit nicht für einen Sprint aufgeben – aber gleichzeitig dem letzten Quäntchen Fehlerfreiheit nicht hinterherjagen. Für mich muss also beides im Rahmen bleiben. Wir sollten aber einen guten Rahmen vorgeben, in dem wenig Spielraum, aber genug Flexibilität ist. Heutzutage sollte dieser Rahmen immer unterstützt werden von technischen Hilfsmitteln.
Die Rolle Künstlicher Intelligenz in der Qualitätssicherung
Könnten KI-Tools diesen Spagat schaffen?
Genau das sollten technische Hilfsmittel – ob nun auf KI- oder anderer Basis – tun, ja. Vor allem KI-Tools können uns hier schneller ans Ziel bringen und auch eine größere Fehlerfreiheit liefern. Vor allem können sie die repetitiven Tätigkeiten oder solche, die eine gleichbleibende Qualität sicherstellen, übernehmen. So wird Platz frei, die Fragestellungen zu lösen, die intellektuelle oder zwischenmenschliche Interaktion benötigen.
Welche Nachteile und Risiken gehen bei der Qualitätssicherung mit KI-Tools einher?
KI-Tools benötigen den qualifizierten human in the loop – ohne diesen geht es meiner Ansicht nach nicht. Wir dürfen uns nicht blind auf ihre einwandfreie Funktion verlassen – Prompts können fehlerhaft sein, Agenten nicht korrekt laufen, LLMs halluzinieren. Wir müssen unsere Mitarbeitenden und Expert:innen gut darin schulen, KI anzuwenden, ihnen den Freiraum geben, sich auszuprobieren, und ihnen den Sinn darin und den Spaß daran vermitteln. Das ist die Herausforderung!
Dieser Artikel ist Teil des Channels Digital Publishing Technologien, der sich mit Content-Strategien und Prozessen beschäftigt. Der Channel wird gesponsert von Fabasoft Xpublisher.
