Entscheidend ist nicht der Firmensitz

Mehr als 35 Alternativen zu US-Diensten, geprüft nach Eigentum, Infrastruktur und Betriebsmodell

Digitale Souveränität lässt sich nicht am Firmensitz ablesen. Entscheidend sind Eigentum, Unterauftragnehmer, Datenstandorte, Verschlüsselung und Betriebsmodell. Mehr als 35 europäische oder selbst betreibbare Alternativen zeigen, wie Medienhäuser Abhängigkeiten in Kommunikation, Analyse, Hosting und Content-Produktion reduzieren können. Der Experte Dominik Rapacki, Gründer und Geschäftsführer von Meetergo sowie CEO von CrabClear, zwei Softwareunternehmen an der Schnittstelle von Datenschutz und digitaler Souveränität, erklärt, worauf es bei der Beurteilung und Auswahl ankommt.

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Published: 10.9.2026  |  Foto: Keyvisual: OpenAI (GPT Image 2.0).

Digitale Souveränität beginnt unterhalb der Benutzeroberfläche

Die Frage nach europäischen Alternativen zu Gmail, Microsoft Office, Google Analytics, AWS oder Adobe-Produkten wird häufig über den Unternehmenssitz beantwortet. Die vorliegende Übersicht setzt an einem anderen Punkt an: Sie prüft nicht nur, wem ein Unternehmen gehört, sondern auch, wo dessen Dienste tatsächlich betrieben werden.

Der Hintergrund ist die mögliche Exposition gegenüber dem US-amerikanischen Cloud Act. Der Cloud Act kann US-Anbieter verpflichten, Daten herauszugeben, die sich in ihrem Besitz, Gewahrsam oder unter ihrer Kontrolle befinden. Das gilt

unabhängig vom Speicherort. Nutzt ein europäischer Dienst einen US-Anbieter als Unterauftragnehmer, kann dadurch ein zusätzlicher Zugriffs- und

Transferkonflikt entstehen. Wie groß dieses Risiko tatsächlich ist, hängt unter anderem von Datenfluss, Verschlüsselung, Schlüsselkontrolle und Vertragsgestaltung ab.

Für Medienhäuser ist dieser Ansatz besonders relevant, weil Software heute sämtliche Arbeitsbereiche betrifft: Redaktion und Kommunikation ebenso wie Marketing, Vertrieb, Kundenkontakt, Datenanalyse, Content-Produktion und Hosting und sich bis in die Produkte durchzieht.

Diese Übersicht behandelt deshalb schwerpunktmäßig Lösungen mit

  • eigener Infrastruktur,

  • Möglichkeiten zum Self-Hosting oder lokalen Betrieb,

  • Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.

Damit weitet sich jedes Auswahlverfahren aus vom bloßen Produktvergleich hin zu der Frage, wie viel Kontrolle ein Unternehmen über Daten und Infrastruktur behalten will.

Kommunikation: Alternativen zu Gmail, Outlook und WhatsApp

Für E-Mail gibt es mehrere leistungsfähige europäische Anbieter. Tuta aus Deutschland kombiniert Postfach und Kalender mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und betreibt eine eigene Cloud-Infrastruktur. mailbox.org bietet Business-Mail auf deutschen Servern. Proton Mail betreibt eigene Server in der Schweiz.

Auch für weitere Kommunikationsdienste bietet Europa Alternativen. Threema aus der Schweiz ersetzt als verschlüsselter Messenger Dienste wie WhatsApp und kommt ohne Telefonnummer aus. Mastodon gilt als dezentrale und werbefreie Alternative zu X. Für Video-Publishing ist das französische PeerTube geeignet: Die Plattform ist dezentral angelegt und kann selbst betrieben werden.

Gerade für Publisher ist dieser Bereich relevant, weil Kommunikation nicht nur interne Prozesse betrifft. E-Mail, soziale Plattformen und Video gehören zugleich zur redaktionellen Distribution und sind Plattformen für den direkten Kontakt mit Leser:innen, Autor:innen und Geschäftspartner:innen.

Office und Kollaboration lassen sich ebenfalls entkoppeln

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Werkzeugen für Dateien, Dokumente und Zusammenarbeit. Statt Google Drive oder Dropbox gibt es Nextcloud. Diese Plattform kann auf eigener Infrastruktur betrieben werden und bündelt unter anderem Speicher, Kalender und Dokumente.

LibreOffice ist eine bekannte, kostenlose und lokal laufende Alternative zu Microsoft Office. Die Software öffnet unter anderem Word- und Excel-Dateien. Für kollaboratives Arbeiten an Dokumenten gibt es CryptPad, das selbst gehostet werden kann und Ende-zu-Ende verschlüsselt ist.

Weitere Beispiele zeigen, wie weit sich die Abhängigkeit von Cloud-Diensten reduzieren lässt: Joplin dient als verschlüsseltes Notizsystem und kann etwa über eine eigene Nextcloud synchronisiert werden. Vikunja deckt Aufgaben, Projekte und Kanban-Boards ab. Stirling PDF verarbeitet PDF-Dateien lokal, während LanguageTool Rechtschreibung, Grammatik und Stil prüft und auch offline genutzt werden kann.

Ein erheblicher Teil des digitalen Büroarbeitsplatzes lässt sich also grundsätzlich auch mit europäischen oder lokal administrierbaren Lösungen abdecken.

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Webanalyse und Hosting sind strategische Schlüsselbereiche

Für digitale Publisher dürfte besonders das Thema „Web, Marketing & Business“ ins Gewicht fallen. Als Alternative zu Google Analytics bietet Europas Digital-Primus Estland Plausible Analytics an. Die Lösung verzichtet ganz auf Cookies, verfügt über eine EU-interne Infrastruktur und kann außerdem selbst gehostet werden.

Für Suchmaschinen ist Qwant aus Frankreich bekannt, für Chrome der norwegische Browser Vivaldi. Shopware erscheint als selbst hostbare Alternative zu Shopify.

Noch grundsätzlicher wird die Auswahl bei Domains, Hosting und Cloud-Infrastruktur. Für GoDaddy gehen die deutschen Hoster IONOS und Hetzner an den Start, als Alternativen zu AWS, Microsoft Azure und Google Cloud Platform Hetzner, OVHcloud, Scaleway und STACKIT.

Gerade hier zeigt sich der Kern dieser Auswahl: Wer lediglich die Anwendung austauscht, ohne die darunterliegende Infrastruktur zu betrachten, hat nur einen Teil des Problems gelöst.

Auch Kreativworkflows müssen nicht zwingend in US-Clouds laufen

Die Liste der Alternativen reicht bis in die Content-Produktion. Für Bildbearbeitung und Illustration stehen die Open-Source-Programme GIMP und Krita als lokal betreibbare Alternativen zu Photoshop zur Verfügung. Beim Videoschnitt stehen Kdenlive und Shotcut zur Verfügung. Beide arbeiten lokal, sodass Rohvideos nach Darstellung der Quelle auf dem eigenen System verbleiben können. OBS Studio wird als lokal laufende Alternative für Bildschirmaufnahmen und Streaming gehandelt.

Für Medienunternehmen ist dieser Bereich nicht nebensächlich: Bild, Video und Streaming sind längst Bestandteile redaktioneller und vermarktungsbezogener Workflows. Die Entscheidung über eingesetzte Software betrifft daher zunehmend auch Produktionsdaten und unveröffentlichtes Material.

Jenseits der Grenzen des Vertretbaren

Viele bekannte Anbieter konnten aufgenommen werden; bemerkenswerter ist vielleicht, welche fehlen. Ausgeschlossen sind nämlich Dienste, deren Prüfung hinsichtlich Eigentum oder Infrastruktur ergab, dass sie nicht zu den gesetzten Kriterien passen.

Nehmen wir zum Beispiel DeepL. Das Kölner Unternehmen nutzt inzwischen AWS als Unterauftragsdatenverarbeiter und wird deshalb strengen Bewertungskriterien nicht mehr gerecht.

Cal.com, Inc. ist ein US-Unternehmen und stellt mit Cal.diy eine selbst hostbare Open-Source-Community-Edition bereit. Laut eigener Dokumentation wird Cal.diy ausdrücklich nur für den persönlichen, nicht produktiven Einsatz empfohlen. Das Open-Source-Projekt Jitsi wird vom US-Unternehmen 8x8 getragen; Jitsi Meet lässt sich zugleich auf eigener Infrastruktur betreiben. Bei beiden Lösungen sind deshalb der vom jeweiligen US-Anbieter betriebene Dienst und die selbst betriebene Variante getrennt zu bewerten.

Für Verlage wird Software-Auswahl zur strategischen und politischen Entscheidung

Für Publishing-Unternehmen lässt sich aus alledem eines ableiten: Die Diskussion um europäische Software betrifft inzwischen deutlich mehr als Datenschutz- oder IT-Abteilungen. Sie reicht unmittelbar in zentrale Prozesse von Redaktionen, Marketing, Produktion und Vertrieb hinein. Daher sollten Leiter aller Fachbereiche ein Urteil in Fragen der digitalen Souveränität haben.

Die mehr als 35 aufgeführten Alternativen zeigen zugleich, dass ein Wechsel nicht zwangsläufig bedeutet, auf grundlegende Funktionen verzichten zu müssen. In vielen Kategorien stehen unterschiedliche Modelle zur Wahl: europäische Cloud-Dienste, Software mit eigener Infrastruktur, selbst hostbare Systeme und lokal arbeitende Open-Source-Programme.

Die zentrale Frage lautet damit weniger, ob ein Werkzeug aus Europa stammt. Entscheidend ist, wie konsequent ein Medienunternehmen seine technologische Abhängigkeit reduzieren und die Kontrolle über seine Daten behalten will. Wer diese Frage beantworten möchte, muss nicht nur den Anbieter betrachten – sondern die gesamte technische Kette dahinter.

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Dominik Rapacki (LinkedIn-Profilseite) ist Gründer und Geschäftsführer der meetergo GmbH sowie CEO von CrabClear. Mit meetergo entwickelt er eine in Deutschland betriebene, KI-gestützte Business-Software für Terminplanung, Videokonferenzen, CRM, Formulare und Gesprächsdokumentation. Bei CrabClear arbeitet er an Lösungen, mit denen Verbraucher Auskunfts- und Löschanfragen gegenüber Datenhändlern automatisieren können. Zuvor war er in der Unternehmensberatung und Webentwicklung tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind digitale Souveränität, Datenschutz, europäische Software-Infrastruktur und der Aufbau bootstrappter SaaS-Unternehmen.

Der Artikel ist Teil des Channels Digital Publishing Technologien, der sich mit Content-Strategien und Prozessen beschäftigt.  Der Channel wird gesponsert von Fabasoft Xpublisher.