“Niemand will einen Liebesbrief von einer KI”

Kommunikationsexperte Daniel Caroppo über Notwendigkeit und Nutzen von Co-Kreation zwischen Maschine und Mensch

In einer Ära, in der die Stimme der Künstlichen Intelligenz immer lauter wird, stellt sich die Frage: Was bleibt von der menschlichen Botschaft noch menschlich? Daniel Caroppo, seit fast zwei Jahrzehnten Kommunikationsexperte und Lehrbeauftragter, setzt sich intensiv mit dieser Herausforderung auseinander. Mit seinem jüngsten und persönlichsten Werk, "Perfekt. Glatt. Wirkungslos.", fordert er, eine klare Haltung gegen die Oberflächlichkeit maschineller Glätte zu setzen. Im folgenden Text plädiert Caroppo dafür, KI nicht als Ersatz, sondern als Reibungsfläche zu nutzen – als bewusste Einladung zur Co-Kreation, die der menschlichen Stimme Raum und Tiefe zurückgibt.

Oft ist die Rede vom Kontrollverlust. Von der Täuschung. Davon, dass unsere Stimme im Rauschen maschineller Repliken untergeht. Wir analysieren das. Wir warnen davor. Zu Recht.

Aber vielleicht muss die Geschichte hier nicht enden.

Vielleicht liegt gerade in diesem Reiben, in diesem kurzen Moment des Widerstands, ein neuer Impuls. Kein Ruf nach Rückzug, sondern die Möglichkeit eines bewussten Miteinanders. Nicht aus Fortschrittsglauben. Nicht, weil die Technik irgendwann alles besser machen wird, sondern weil wir uns entscheiden, es anders zu machen. Bewusster. Mit mehr Haltung.

Als Kulturakt. Als Einladung zur Co-Kreation.

Praxisbeispiel: Ein Moment der Reibung – und der Erkenntnis

Ich erinnere mich an einen Workshop an der DHBW. Eine Studierende stellte einen Social-Media-Post vor, den sie gemeinsam mit ChatGPT entwickelt hatte. Ziel war es, eine Trainee-Stelle locker und sympathisch zu bewerben. Der erste Entwurf? Formal gelungen. Alles an seinem Platz. Aber irgendwie … leer. Keine Spur von ihr selbst. Kein Zweifel, keine Haltung. Nur diese glatte, freundliche Oberfläche, die in tausend Varianten durchs Netz zieht.

Sie sah mich an und sagte leise: "Das klingt wie irgendwer. Aber nicht wie ich."

Dann wurde sie still. Und fing an zu streichen. Ergänzte. Hinterfragte. Verwarf Emojis. Fand andere Worte. Nicht bessere – aber ihre. Am Ende stand ein Text, der vielleicht nicht perfekt war. Aber er hatte etwas, das man nicht prompten kann: Haltung.

Und plötzlich war die KI keine Bedrohung mehr, sondern Reibefläche. Möglichkeitsraum. Ein Startpunkt – für etwas, das echt war.

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Fünf Irrtümer über Co-Kreation


  1. Co-Kreation ist keine Arbeitserleichterung.

Wer mit KI arbeitet, spart keine Zeit – er verlagert Entscheidungen. Und muss sie bewusster treffen.

Die KI entlastet nie vom Denken, sondern fordert es heraus.

  1. Co-Kreation ersetzt keine Redaktion.

Texte brauchen nicht nur Struktur, sondern Resonanz. Und die entsteht nicht durch Statistik, sondern durch Subtext. Nur Menschen merken, wenn ein Satz funktioniert, aber nicht berührt.

  1. Co-Kreation ist keine Einbahnstraße.

Wer glaubt, dass er allein die Kontrolle behält, weil er promptet, täuscht sich. Die KI spielt zurück. Spiegelnd. Verstärkend. Und das ist oft entlarvend.

  1. Co-Kreation ist nicht effizient, sondern anspruchsvoll.

Gute Co-Kreation ist wie ein Tanz – man muss zuhören, stoppen, neu ansetzen. Vielleicht auch ausprobieren. Es geht nicht um Tempo, sondern um Takt.

  1. Co-Kreation braucht Konflikt – nicht Konsens.

Nur wer sich reibt, entwickelt Haltung. Und die beste Haltung ist oft die, die durch die Reibung mit der KI erst sichtbar wird.


Drei neue Rollen für eine neue Kommunikation

In der Co-Kreation entsteht nicht weniger Verantwortung, sondern mehr. Der Mensch wird nicht überflüssig. Er wird fokussiert.

  1. Der Redakteur als Regisseur:

Er setzt den Ton, kürzt, verdichtet, lässt Pausen zu. Er weiß, dass ein guter Text mehr ist als seine Wortzahl.

  1. Die Pressesprecherin als Übersetzerin:

Sie wandelt technische Klarheit in menschliche Bedeutung. Sie spürt, was zwischen den Zeilen lebt – und was fehlt.

  1. Der CEO als "Chief Meaning Officer":

Er formuliert nicht nur strategisch, sondern auch bedeutungsvoll. Seine Botschaft muss nicht glatt sein – sie muss gemeint sein.

Diese neuen Rollen verlangen mehr als Know-how. Sie verlangen Selbst-Bewusstsein. Nicht als Eitelkeit, sondern als klare innere Stimme.

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Die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI entfaltet ihr Potenzial nicht im starren Wechselspiel von Befehl und Antwort, sondern in einem echten Dialog auf Augenhöhe. Diese Idee der Co-Kreation lässt sich als neues Spannungsfeld zwischen Kontrolle, Vertrauen und emergenter Wirkung verstehen. Grafik: Haufe-Lexware GmbH & Co. KG.


Fallbeispiel: Die Stellenausschreibung, die plötzlich Persönlichkeit hatte

Ein mittelständisches Unternehmen in Birkenfeld bei Pforzheim suchte eine Leitung für das Personalmarketing. Mehrere Texte wurden verworfen – zu generisch, zu zahm. Schließlich sagte der Geschäftsführer: "Dann lass uns mal schauen, was die KI schreibt – und uns daran reiben."

Der Prompt war nüchtern: "Schreibe eine moderne, empathische Stellenanzeige für eine Führungsposition im HR-Bereich." Die KI lieferte: inklusive Vision, Benefits, Feel-good-Floskeln.

Und plötzlich war da Energie im Raum. Die Kommunikationsverantwortliche sagte: "Jetzt sehe ich, was ich nicht will." Aus dem Widerspruch entstand Klarheit. Aus der Klarheit: ein Text. Er war knapp und klar. Und kein Claim.

"Wir suchen niemanden, der uns hübsch macht. Wir suchen jemanden, der uns ehrlich zeigt."

Die Reaktion? Überdurchschnittlich viele Bewerbungen. Und: ein neues Selbstverständnis im Team.

Co-Kreation ist ein Haltungsprozess

Die wirkliche Chance von Co-Kreation liegt nicht im Text, sondern in der inneren Bewegung, die sie auslöst.

Wer KI nutzt, muss sich fragen: Was will ich wirklich sagen?

Wer promptet, muss sich bekennen: Was darf bleiben – und was muss ich selbst sagen?

Wer auswählt, entscheidet nicht nur über Form, sondern auch über Verantwortung.

Co-Kreation ist kein digitales Modell. Sie ist ein ethischer Raum. Ein Raum, in dem der Mensch entscheidet, was gesagt wird. Und was gesagt werden darf.

Die beste Zukunft ist kein Entweder-oder

Vielleicht wird die KI nie wirklich verstehen, was sie sagt. Aber vielleicht bringt sie uns dazu, selbst genauer zu verstehen, was wir sagen wollen. Vielleicht wird sie uns nie ersetzen. Aber sie wird uns auch nicht automatisch helfen – wenn wir nicht mit Klarheit führen. Vielleicht ist die beste Zukunft nicht KI-gesteuert. Aber sie ist auch nicht KI-frei. Sie ist gemeinsam gedacht, bewusst entschieden und menschlich verantwortet.

Fazit

Co-Kreation ist kein Pflaster für den Kontrollverlust und auch kein bequemer Kompromiss. Vielleicht ist sie manchmal sperrig, manchmal überraschend. Aber gerade deshalb ist sie ein ehrlicher Anfang. Kein Rückschritt, sondern ein Aufbruch – zu einer neuen Form des Schreibens, die nicht technikfeindlich ist, aber dem Menschen den Vortritt lässt.

Sie fordert etwas: Haltung. Bewusstsein. Den Mut, auch mal Nein zu sagen.

Aber sie gibt auch etwas zurück. Raum. Tiefe. Und die Möglichkeit, Texte zu schreiben, die nicht nur funktionieren, sondern etwas hinterlassen.

Nicht weil sie perfekt sind, sondern weil wir sie gemeint haben.


Mit freundlicher Genehmigung der Haufe-Lexware GmbH & Co. KG.

Daniel Caroppo: Perfekt. Glatt. Wirkungslos. Was KI mit unserer Sprache macht – und wie wir wieder wirksam kommunizieren.

Haufe 2025. 244 Seiten. Buch/E-Book (PDF) EUR 29,99

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Daniel Caroppo (LinkedIn-Profilseite) ist seit fast zwei Jahrzehnten Pressesprecher bei der DAK-Gesundheit, Lehrbeauftragter an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Fachbuchautor. Seit 2013 vermittelt er Studierenden, wie Kommunikation wirkt – und wo sie Verantwortung trägt: in der Pressearbeit, in der PR und in Fragen der Medienethik.

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