Wie ein Verlag 9.378 Verweise mit einem selbstgebauten Anker sichert
Ein Reiseführer enthält tausende Verweise, die jede Neuauflage überstehen müssen. Der Michael-Müller-Verlag in Erlangen hat dafür ein eigenes Werkzeug gebaut und erzählt, was er auf dem Umweg über ein totes Dateiformat gelernt hat.
Im Toskana-Reiseführer des Michael-Müller-Verlags verweist der Text 9.378-mal auf andere Stellen im Buch. Auf eine Telefonnummer, einen Kartenpunkt, einen Indexeintrag, eine Erwähnung drei Kapitel weiter. Jede dieser Verbindungen muss die nächste Überarbeitung überleben, im Buch genauso wie in App, E-Book und Web. Jahrelang hing das an einer Word-Funktion, die Microsoft irgendwann nicht mehr weiterführte. Der Verlag hat daraufhin eine eigene Methode entwickelt, nennt sie Semantic Anchor und hat sie im September auf einer Entwicklertagung in Pordenone vorgestellt. Verlagsgründer Michael Müller erzählt, was eine Redakteurin im Alltag davon sieht, welche Verlage vor demselben Problem stehen und wo die Automatik aufhört. Und er erklärt, warum er seine Autorentexte keinem öffentlichen Chatbot überlassen will.

Published: 6.10.2026 | Keyvisual: Magnific, Screenshots: Michael-Müller-Verlag.
Das stille Problem
Sie nennen es ein „stilles Problem“: Querverweise, die beim Überarbeiten sterben. Wann wurde Ihnen klar, dass es so nicht weitergeht?
Als wir 2008/2009 mit der Entwicklung unserer mmtravel App begannen, war schnell klar, dass wir eine Lösung mit einem funktionierenden „Roundtrip“ brauchen. Die getaggten und veröffentlichten Texte müssen anschließend wieder als verlässliche Quelldatei für die Autorinnen und Autoren der nächsten Auflage dienen können.
Zuvor hatten wir in Kooperation mit MobiPocket bereits rudimentäre Versionen für Symbian, Windows Mobile und Palm OS entwickelt. Das funktionierte, war aber mit enorm viel Handarbeit verbunden. Hotels wurden etwa als Listen aus Word-Dokumenten ausgelesen, eigene Zeichenformate trennten Hotelname, Fließtext, Telefonnummer und Adresse beim Export voneinander.
Als Word 2003 mit Custom XML eine vermeintlich elegante Lösung bot, haben wir darauf ein umfangreiches eigenes Framework aufgebaut. Custom XML war allerdings alles andere als Plug-and-Play. Genau an diesem Punkt wurde deutlich, dass wir für eine dauerhaft tragfähige digitale Produktion eine robustere Lösung brauchen.
9.000 redaktionelle Verknüpfungen in einem einzigen Reiseführer. Was ist da alles miteinander verbunden?
Unser Informatiker Karsten Seidel hat das für dieses Interview am Beispiel unseres Toskana-Reiseführers aufgeschlüsselt. Wir kommen dort auf insgesamt 9.378 Tags beziehungsweise Verknüpfungen, verteilt auf 63 Kapitel. Die größten Klassen:
Datenbank-POIs: 3.466
POIs im Dokument: 3.273
Telefonnummern: 1.989
Webadressen: 1.310
Indexeinträge: 852
Überschriften: 562
Kartennummern: 469
Bilder: 455
Referenzen innerhalb des Textes: 249
Bei den POIs speichern wir zum Beispiel die Datenbank-ID und die Information, welcher Eintrag der Haupteintrag ist. Das ist wichtig, wenn ein Ort mehrfach im Text vorkommt. Beim Erstellen der Ausgabeformate muss das System wissen, ob der Link zum Haupteintrag führt, zu einer Karte in der App oder im E-Book lediglich zum zentralen Datenbankeintrag.
Und was passiert mit diesen Verbindungen bei einer Neuauflage?
Einen großen Teil können wir übernehmen. Einige müssen neu zugeordnet werden, etwa wenn Texte stark verändert oder Abschnitte verschoben wurden. Dafür nutzen wir inzwischen viele Automatismen. Ganz ohne Kontrolle geht es aber nicht. Bei mehreren tausend Verknüpfungen pro Titel bleibt die Qualitätssicherung ein wichtiger Teil des Prozesses.
Reiseführer sind ein Extremfall, aber kein Sonderfall. Für welche Verlage ist das Verknüpfungs-Problem genauso groß?
Überall dort, wo große Mengen an Inhalten regelmäßig aktualisiert werden und trotzdem sauber verknüpft bleiben müssen. Zum Beispiel bei Enzyklopädien, technischen Dokumentationen, Gesetzestexten oder Software-Handbüchern.
Reiseführer sind aus meiner Sicht aber schon die Kür. Da kommen Fließtext, Adressen, Geodaten, Karten, Bilder, Querverweise, Touren und Datenbankeinträge zusammen. Und all das muss bei jeder neuen Auflage wieder stimmen, im Buch genauso wie in App, E-Book oder Web.
Wie der Anker im Text aussieht
Was sieht eine Redakteurin von Ihrem semantischen Anker, wenn sie ein Kapitel umbaut?
Im Redaktionsalltag soll die Technik möglichst unauffällig bleiben. Entscheidend ist, dass man direkt im Text sieht, wo semantische Anker sitzen und zu welcher Kategorie sie gehören.
In Word 2003 arbeiten wir dafür bislang mit Feldfunktionen und XML-Strukturen. Das ist technisch funktional, aber sperrig. Die Markierungen brauchen Platz und können beim Ein- und Ausblenden sogar den Zeilenumbruch verändern.

So sehen die Anker in Word 2003 aus. Bild: Michael Müller Verlag
In LibreOffice ist das deutlich eleganter gelöst. Die Anker erscheinen als schmale eckige Klammern, lassen sich ausblenden und verändern den Umbruch nicht. Je nach Kategorie haben sie unterschiedliche Farbtöne, sodass POIs, Referenzen und andere Tags schnell zu unterscheiden sind. Technisch steckt alles in der OpenDocument-Datei selbst. Die Anker sitzen als Bookmarks im Text, verwaltet werden sie in einer eigenen RDF-Datei im selben Container.

Dieselbe Überschrift in LibreOffice. Bild: Michael Müller Verlag
Beim Umbau eines Kapitels bleiben die Anker direkt am jeweiligen Inhalt sichtbar und kontrollierbar. Aktuell arbeitet vor allem unser Tagging-Team damit. Künftig sollen auch Autorinnen und Autoren, Lektorat und Layout die Funktionen direkt nutzen.

Die teure Lektion
Ging etwas bei der Entwicklung schief?
Unser ursprüngliches System basierte auf den Custom-XML-Tags von Word 2003. Die Funktion, die wir nutzten, hat Microsoft später nicht mehr weitergeführt. Damit waren wir von einer Technologie abhängig, die für unsere Produktion zentral war, aber zunehmend zum Auslaufmodell wurde.
Wir haben über Jahre versucht, dieses System am Leben zu halten, mit VMware ThinApp, speziellen Office-Installationen, Microsofts MSIX-Technologie, auf dem Mac mit CrossOver und zeitweise mit Office for Mac. Technisch ließ sich vieles retten, aber der Aufwand wurde immer größer. Heute bringen solche alten Office-Versionen zusätzliche Probleme bei Sicherheit, Updates und Kompatibilität mit sich. Unsere Werkzeuge sind damit faktisch „deprecated“. Mit offenen Schnittstellen und standardisierten Formaten ist man deutlich unabhängiger, wenn neue technische Lösungen gefunden werden müssen.
Wie ging es dann weiter?
Mit László Németh hatten wir zum Glück einen Entwickler im Team, der die technischen Voraussetzungen für eine benutzerfreundliche Darstellung der Anker geschaffen hat. Darauf aufbauend entstand mit Karsten Seidel und Rose Haberecht eine umfangreiche Erweiterung in Python. Das war ein steiniger Weg, unter anderem weil uns beim Debugging der Komfort einer gewohnten Entwicklungsumgebung fehlte. Aber alles ist machbar.
Ganz ohne Grenzen ist auch der neue Weg nicht. Für die weitere Produktion werden unsere Dokumente auch in InDesign verarbeitet. Das läuft über einen Export ins Word-Format, und dabei gehen die semantischen Tags verloren. Die Unique IDs lassen sich aber weiterverwenden, sodass die Verknüpfungen nicht vollständig abbrechen.
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Der Chatbot als nächste Ausgabe
Ihre Pressemitteilung nennt Chatbots ausdrücklich als Ausspielweg. Welche Rolle spielt KI in dem Konzept?
Wir haben dieses Feature bereits in Claude simuliert, und es hat gut funktioniert. Um es mit unseren Autorentexten auszuspielen, muss es aber im Zusammenspiel mit einem isolierten LLM lauffähig gemacht werden, damit die Autorentexte nicht Gemeingut werden.
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt stuft die Methode als förderfähig ein. Wird sie offen verfügbar sein, und was braucht ein Verlag, der sie nutzen will?
LibreOffice und die Erweiterungen, die wir im LibreOffice-Quellcode entwickelt haben, sind Open Source. Darauf aufbauend haben wir ein eigenes, proprietäres Plug-in entwickelt, mit dem sich Texte gezielt taggen und strukturieren lassen. Die Open-Source-Plattform darunter bleibt vollständig erhalten.
Wer die Technologie kennenlernen will, kann das bald unverbindlich tun. Wir werden eine öffentlich zugängliche Community-Version bereitstellen, mit der sich die wesentlichen Funktionen ausprobieren und eigene Anwendungsszenarien testen lassen. Auf dieser Basis wollen wir dann Angebote für professionelle Nutzungsszenarien entwickeln.
Sie verlegen seit 1979 und haben einige Technologiewechsel der Branche erlebt. Was unterscheidet diesen von den früheren?
Von der Kugelkopfschreibmaschine über den Laserdrucker bis zur mmtravel App und heute zur KI: Was diesen Wandel unterscheidet, ist vor allem das Tempo. Früher wurden einzelne Arbeitsschritte digitalisiert oder neue Produktionsmittel eingeführt. KI verändert potenziell sehr viele Bereiche gleichzeitig, von Recherche und Redaktion bis zu Planung, Personalisierung und Ausspielung.
Die Erwartung ist, dass plötzlich alles in Windeseile funktionieren soll. Ob das so kommt und wohin uns diese Entwicklung führt, finde ich ausgesprochen spannend. Ich bin jedenfalls sehr neugierig, wohin wir diesmal geweht werden.
Was Verlage mitnehmen können
Michael Müllers Erfahrung lässt sich gut auf Häuser übertragen, die Inhalte mehrfach auflegen..
Abhängigkeiten zählen: Welche Funktion, an der die Produktion hängt, gibt es nur bei einem einzigen Hersteller? Beim Michael-Müller-Verlag war es eine einzige Word-Funktion, und ihr Wegfall kostete Jahre an Überbrückung.
Den Rückweg planen: Veröffentlichte Daten müssen als saubere Quelle in die nächste Auflage zurückfließen. Wer nur den Weg in App und E-Book baut, arbeitet jede Auflage von Hand nach.
Verknüpfungen als Bestand behandeln: 9.378 Verweise in einem Titel sind ein Datenbestand mit eigener Qualitätssicherung. Automatismen helfen, die Kontrolle bleibt Handarbeit.
Wie Semantic Anchor im Einsatz aussieht, zeigt ein kurzes Demo-Video des Verlags. Michael Müller freut sich dort über Fragen, Einschätzungen und Ideen für weitere Einsatzbereiche in den Kommentaren.

Michael Müller (LinkedIn) gründete 1979 den Michael Müller Verlag in Erlangen. Heute zählt der Verlag zu den wichtigen Anbietern im deutschsprachigen Reiseführersegment und verfügt über ein Programm von rund 220 Titeln.
Schon früh setzte Müller auf die Verbindung von klassischen Reiseinhalten und digitalen Anwendungen. Bereits 2007 entstand eine erste Version eines digitalen Reiseführers; mit der mmtravel App entwickelte der Verlag daraus ein ausgereiftes Angebot, das redaktionelle Inhalte mit interaktiven Karten, Touren und weiteren digitalen Funktionen verbindet.
Der Artikel ist Teil des Channels Digital Publishing Technologien, der sich mit Content-Strategien und Prozessen beschäftigt. Der Channel wird gesponsert von Fabasoft Xpublisher.
