Chance oder Ende der Bedeutungshoheit für Publisher?
Evgenia Karp und Markus Knall über Liquid Content
KI macht es möglich, dieselbe Information für jeden Leser individuell aufzubereiten – angepasst an Region, Zielgruppe, Kontext. Was klingt wie eine große Chance für Lokaljournalismus und demokratische Teilhabe, birgt eine tiefere Frage: Wer kontrolliert, was ein Text bedeutet, wenn eine algorithmische Zwischenschicht zwischen Autor und Leser tritt? Google testet bereits, Schlagzeilen automatisch umzuschreiben – ohne Kennzeichnung, ohne menschliche Kontrolle. Aus einer kritischen Auseinandersetzung kann damit eine Produktempfehlung entstehen. Liquid Content ist einerseits ein Werkzeug für relevantere, reichweitenstärkere Inhalte – und ein Risiko für das, was Journalismus ausmacht: die Kontrolle über Sprache, Aussage und Bedeutung.
Dieses Problemfeld stand im Fokus einer Präsentation im Rahmen der Digitalkonferenz Media Next des DIGITAL PUBLISHING REPORT, bei der Branchenexpert:innen über die Potenziale und Herausforderungen dieser Technologie debattierten.

Published: 2.6.2026 | Foto / Video: KI-generiert, Magnific
Was steckt hinter Liquid Content?
Es diskutierten Evgenia Karp, Leiterin Digital Innovation beim 1000things mediahouse aus Wien und Markus Knall, Chefredakteur von Ippen digital, den Kern von Liquid Content. Laut Evgenia Karp handelt es sich dabei um einen modularen und KI-gestützten Ansatz, der es ermöglicht, Inhalte in Echtzeit zu optimieren. Die entscheidende Neuerung sieht sie in der Einbindung großer Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs), die durch ihre Fähigkeit zur komplexen Datenverarbeitung eine tiefere Anpassung und Transformation von Inhalten erlauben. Markus Knall hingegen argumentierte, dass die Idee an sich nicht neu sei. Die eigentliche Revolution liege in der Skalierung und Effizienz, die durch aktuelle KI-Technologien erreicht werden können. Dies mache nicht nur personalisierte Inhalte erschwinglicher, sondern eröffne auch völlig neue Möglichkeiten der Individualisierung.
Die technologische Grundlage von Liquid Content
Die Basis von Liquid Content bildet die Nutzung fortschrittlicher KI-Modelle, die Inhalte dynamisch anpassen und optimieren können. Während frühere Ansätze wie modulare Content-Systeme oder Headless Publishing ebenfalls auf Flexibilität abzielten, ermöglicht der Einsatz von LLMs eine neue Dimension der Skalierbarkeit. Beispielsweise können Inhalte unter Einsatz heutiger Technologien nicht nur für verschiedene Länder, sondern bis hinunter zur individuellen Nutzer:innensicht personalisiert werden.
Knall betonte, dass dies insbesondere für regionale und lokale Berichterstattung ein enormes Potenzial biete. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die zunehmende Automatisierung auch die Rolle von Journalist:innen verändern werde. Der Fokus verschiebe sich stärker auf die Datenanalyse und die Qualitätskontrolle der zugrunde liegenden Inhalte.
Herausforderungen bei der Umsetzung
Die Implementierung von Liquid Content bringt, wie man daran sieht, Herausforderungen mit sich. Ein zentrales Problem ist die Balance zwischen Individualisierung und dem Erhalt eines gemeinsamen medialen Diskursraums. Durch die personalisierte Ausspielung von Inhalten besteht die Gefahr, dass Filterblasen entstehen und die gesellschaftliche Fragmentierung weiter zunimmt.
Karp wies zudem darauf hin, dass die algorithmische Optimierung von Inhalten den klassischen journalistischen Artikel als Format verdrängen könnte. Dies würde nicht nur das Verständnis von Journalismus verändern, sondern möglicherweise auch die Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Quellen gefährden.
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Chancen und Risiken für die Medienbranche
Trotz der genannten Risiken bietet Liquid Content nicht wegzudiskutierende Chancen für die Medienbranche.
Die Möglichkeit, Inhalte stärker auf die individuellen Bedürfnisse von Zielgruppen zuzuschneiden, könnte die Reichweite und Relevanz journalistischer Angebote erheblich steigern. Besonders im Bereich der lokalen Berichterstattung könnten Medienunternehmen von der neuen Technologie profitieren.
Knall sieht hier eine klare Chance, die Nähe zu den Leser:innen zu erhöhen und gleichzeitig die Produktionskosten zu senken. Auch die Möglichkeit, Inhalte in Echtzeit zu aktualisieren und auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren, wird allgemein als großer Vorteil angesehen.
Die Rolle der journalistischen Integrität
Ein zentraler Punkt der Diskussion war die Frage, wie journalistische Integrität in einer von KI geprägten Medienlandschaft erhalten werden kann. Knall betonte, dass die Qualität der zugrunde liegenden Daten entscheidend sei, um glaubwürdige Inhalte zu gewährleisten. Gleichzeitig sieht er in der journalistischen Verantwortung einen wichtigen Gegenpol zu rein KI-generierten Inhalten. Journalist:innen müssten verstärkt darauf achten, dass die Automatisierung nicht zulasten der inhaltlichen Tiefe und Vielfalt gehe. Karp ergänzte, dass es wichtig sei, ethische Standards zu entwickeln, um den Einsatz von KI im Journalismus zu regulieren.
Die Gefahr der Erosion gemeinsamer Diskursräume
Ein weiterer kritischer Aspekt ist die potenzielle Fragmentierung der öffentlichen Debatte. Traditionell haben Medien eine zentrale Rolle bei der Schaffung gemeinsamer Diskursräume gespielt, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen konnten. Durch die zunehmende Individualisierung von Inhalten könnte diese Funktion geschwächt werden.
Evgenia Karp wies darauf hin, dass dies nicht nur die gesellschaftliche Kohäsion gefährden könnte, sondern auch das Vertrauen in die Medien untergraben würde. Sie plädierte dafür, Mechanismen zu entwickeln, die sicherstellen, dass auch in einer KI-getriebenen Medienwelt gemeinsame Themen und Diskurse erhalten bleiben.
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Konsequenzen für den Journalismus
Die Umsetzung von Liquid Content erfordert mehr als nur technologische Anpassungen – sie verlangt ein Umdenken in den journalistischen Arbeitsweisen und strategischen Ausrichtungen der Medienhäuser. Rein praktisch gesehen könnte die Technologie dazu genutzt werden, die Produktion effizienter zu gestalten und gleichzeitig die Inhalte stärker auf die Zielgruppen zuzuschneiden. Hierbei ist es entscheidend, dass Redaktionen die Balance zwischen Individualisierung und journalistischer Verantwortung wahren.
Die Integration von KI und LLMs sollte nicht nur der Effizienz dienen, sondern auch die Qualität der Inhalte fördern. Dafür sind klare ethische Leitlinien und eine kontinuierliche Überprüfung der automatisierten Prozesse unerlässlich. Journalist:innen müssen eine aktive Rolle bei der Überwachung und Anpassung der generierten Inhalte einnehmen, um die Relevanz und Glaubwürdigkeit zu sichern.
Ebenso sollten Medienunternehmen Mechanismen entwickeln, die den Erhalt gemeinsamer Diskursräume fördern. Durch gezielte Kuratierung gemeinsamer Themen und die Schaffung von Plattformen für gesellschaftlichen Austausch kann der Fragmentierung entgegengewirkt werden. Insgesamt bietet Liquid Content große Chancen für die Medienbranche, vorausgesetzt, die technologischen Möglichkeiten werden verantwortungsvoll genutzt und die Integrität journalistischer Prinzipien bleibt gewahrt.

Evgenia Karp (LinkedIn-Profilseite) leitet den Bereich Digital Innovation bei 1000things, einem österreichischen Online-First-Publisher, und arbeitet crossfunktional an der Schnittstelle von Redaktion, KI-Strategie, Growth und Plattformentwicklung. Ihre Perspektive verbindet redaktionelles Handwerk mit strategischem Denken zu Plattformlogik und KI. Sie beobachtet, wie sich das Verhältnis von Reichweite und Leserbindung im KI-Zeitalter strukturell verschiebt – ein Muster, das sie nicht als taktisches Problem, sondern als strategisches Signal liest. Sie ist als Speakerin bei Branchenveranstaltungen aktiv, aktuell beim ORF AI Day im April 2026.

Markus Knall (LinkedIn-Profilseite) ist seit 2011 Chefredakteur bei Ippen Digital. Er verantwortet den digitalen Content-Bereich der Mediengruppe und arbeitet in den Bereichen Redaktionsleitung, digitale Content-Strategie und digitales Marketing. Er war am Aufbau des digitalen Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA beteiligt.
Ippen Digital betreibt mehr als 50 Nachrichten-Websites in Deutschland, darunter tz, Münchner Merkur, HNA, Frankfurter Rundschau, BuzzFeed.de, Einfach Tasty, Serienjunkies und ingame.de. Das Netzwerk umfasst eigene Angebote sowie Partnerseiten. Markus Knall studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Regensburg und Washington, D. C. Zudem absolvierte er einen Executive MBA an der Universität St. Gallen.
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